Henry Marsh – so bringt ein alter Neurochirurg ukrainischen Ärzten bei, im Krieg zu operieren

Henry Marsh gilt als einer, wenn nicht gar als der bekannteste Neurochirurg der Welt. 30 Jahre lang arbeitete der Brite in der Ukraine, nun versucht er, den Ärzten dort beizubringen, wie sie unter Kriegsbedingungen arbeiten müssen. Seinen 72. Geburtstag verbrachte er mit einem zwölfstündigen Webinar zusammen mit dem Kriegsmediziner David Nott. Mit der Londoner "Times" sprach er über seine Arbeit und den Krieg in seiner "zweiten Heimat". "Es ist sehr schmerzhaft, in meinem gemütlichen Zimmer zu sitzen und Ärzten Ratschläge zu erteilen, die in unterirdischen Schutzräumen dem Tod ins Auge sehen."

Bericht aus dem Kriegsgebiet


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In 12 Stunden zum Kriegsmediziner

Zusammen mit seinem Kollegen bietet Marsh einen "Crashkurs in Trauma-Medizin" an, wie er es nennt. Er habe die Kontakte und vor allem David Nott erkläre, wie man mit Kriegsverletzungen umgehe, "mit Niedriggeschwindigkeitsgeschossen, Panzergeschossen, Artilleriewunden, fliegenden Glassplittern und zerrissenem Fleisch. Wir können den Verlauf des Krieges nicht ändern, aber wir können mit Ratschlägen ein wenig helfen." Marsh Buch "Um Leben und Tod: Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern" ist ein weltweiter Bestseller, zwei Dokumentarfilme widmen sich seiner Arbeit. Er selbst sagt, dass bei allen seinen Erfolgen als praktizierender Hirnchirurg, seine spätere Lehrtätigkeit die größere Bedeutung hätte. Und die setzt er nun als alter Mann für die Ukraine fort.

Die Arbeitsbedingungen in Kiew sind nun ganz anders als in einer Klinik. "Sie haben zwar keinen Zugang zu CT-Scannern, aber die Schockwellen der Bomben können katastrophale innere Blutungen verursachen." Viele Patienten hätten mehrere Verletzungen gleichzeitig erlitten, und es gäbe zu wenig Ärzte. Jeder müsse alles machen. "Das ist etwas völlig anderes als in der zivilen Medizin, wo man in spezialisierten Bereichen arbeitet." Diese Form von Verletzungen gäbe es im zivilen Bereich nicht.

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Belastung der Triage 

Im zivilen Leben sei die rücksichtslose Triage bei Sichtung der Patienten undenkbar. Diese müssen aufgeteilt werden in diejenigen, die ohnehin sterben werden, und diejenigen, deren Komplikationen zu schwerwiegend sind. Das Personal müsse sich nur diejenigen konzentrieren, die sofortige Hilfe benötigen, aber gerettet werden können. "Es geht um rücksichtslose Effizienz, um so viele Leben wie möglich zu retten." Dazu kommt die Belastung, durch den Zusammenbruch des normalen medizinischen Betriebes. Krebskranke Kinder erhielten keine Behandlung, es gäbe kaum noch Medikamente. Die jungen Mediziner in der Ukraine wollen an der Front kämpfen. "Aber ich sage ihnen, dass sie als Ärzte mehr Leben retten werden als mit Waffen."

Rückkehr in die Ukraine

Nun fürchtet Marsh, dass das Internet in der Ukraine zusammenbrechen könnte und diese Form der Hilfe per Bildschirm und Kamera bald nicht mehr möglich ist. "Erst Mariupol, dann Charkow, und jetzt bereiten sich meine Freunde in Kiew auf ein Massensterben vor." Marsh ist an Krebs erkrankt. "Ich habe darüber nachgedacht, zurück in die Ukraine zu gehen, um zu helfen. Ich dachte, das wäre eine gute Art zu sterben, wenn ich sowieso nicht mehr lange zu leben habe. Ich bin schon ziemlich alt." Doch seine Freunde rieten ihm, im Moment noch zu bleiben und von Großbritannien aus zu helfen.

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