Ärztepräsident Reinhardt: "Kleine Geldbeträge würden das Verhalten der Patienten ändern"

Es ist ein heißes Eisen, das der gerade erst neu gewählte Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, gleich in seinem ersten Interview anfasste. Denn er will den Patienten an den Geldbeutel. Nicht allen, sondern denen, die seiner Meinung nach zu oft und unnötig in den Wartezimmern ihres Arztes Platz nehmen. „Nicht jeder Besuch ist sinnvoll“, stellte Reinhardt in einem Interview mit den Zeitschriften der Funke-Mediengruppe fest.

Angesichts der begrenzten Zahl von Ärzten in Deutschland müsse man sich fragen, ob diejenigen, die unnötig im Wartezimmer sitzen, solidarisch handeln, so Reinhardt weiter. Sein Vorschlag: eine wirtschaftliche, sozialverträgliche Beteiligung des Patienten. Konkreter wurde der 59-Jährige zunächst nicht.

Reinhardt: „Die Praxisgebühr hat funktioniert“

Reinhardt glaubt, man könne das Verhalten der Patienten beeinflussen, wenn man sie mit einem kleinen Geldbetrag an Arztbesuchen beteiligt. Das habe er in Ländern beobachtet, in denen es eine solche Selbstbeteiligung gibt, erläuterte der Allgemeinmediziner und Vorsitzende des Hartmannbundes. Damit spielt er unter anderem auf Norwegen an, wo Patienten bei jedem Hausarztbesuch eine Gebühr von ca. 15 Euro zahlen müssen. Befreit sind Kinder unter 16 Jahren und Schwangere. In Schweden hat sich ein ähnliches Modell durchgesetzt. 

Ein ähnliches Instrument gab es auch in Deutschland schon einmal. Zwischen 2004 und 2012 war eine Gebühr von zehn Euro erhoben worden – allerdings nur einmal im Quartal. „Die Praxisgebühr hat grundsätzlich funktioniert“, sagt Reinhardt rückblickend. Sie sei nur falsch organisiert gewesen – das könne man intelligenter machen. Das politische Ziel, Patienten dazu zu erziehen, bei Bagatellen darauf zu verzichten, zum Arzt zu gehen, wurde zumindest in Teilen erreicht. Als die Praxisgebühr wieder wegfiel, habe die Zahl der Arztbesuche wieder zugenommen, so Reinhardt, der in Bielefeld eine eigene Hausarztpraxis betreibt. Umso wichtiger sei es, dass die Patienten wieder lernen, verantwortungsvoll mit der Ressource Arzt umzugehen.

Wer geht wann und weshalb zum Arzt

Den kostenlosen Arztzugang stellt Reinhardt nicht in Frage. „Aber man muss genau hinsehen, wer wann und weshalb zum Arzt geht.“ Der Nachfolger von Frank Ulrich Montgomery weiß, dass seine Idee in der Ärzteschaft umstritten ist. Unabhängig davon hat er mit seinem Vorstoß aber in jedem Fall eins erreicht: Das Thema liegt wieder auf dem Tisch und dürfte zwischen Politikern, Ärzten, Krankenkassen und Patienten in den nächsten Wochen und Monaten für reichlich Diskussionsstoff sorgen.

Quellen: „Hamburger Abendblatt“

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